Pastoralkolleg – Papst Tawadros II

Neben der prächtigen Markus-Kathedrale ist der Sitz des koptischen Papstes, davor mehr Sicherheitskontrollen als beim Scheich zwei Tage zuvor. Offizieller Titel ist „Papst von Alexandria und 118. Patriarch auf dem Sitz des St. Markus“. Nach koptischer Überlieferung hatte Markus schon im ersten Jh. die ägyptische-koptische Kirche gegründet. Seit Mitte des 3. Jh., also schon 100 Jahre vor der römischen Kirche, hatte die Koptische Kirche in Ägypten einen Papst. Durch die Schwestern der Daughters of Saitnt Mary (DSM) bekamen wir die außergewöhnliche Einladung zum Gespräch. Papst Tawadros berichtet vom ägyptischen Rat der Kirchen, der 15 Mio. Christen unter 85 Mio. Muslimen vertritt. Größtes Problem des Landes sei das Bevölkerungswachstum von über 2 Mio. Menschen pro Jahr. Und die leben auf nur 8% des Landes, 92% sind wüst und leer. Die wichtigste Herausforderung sei deshalb Bildung und Gesundheitsvorsorge. Die Erziehung liege zu 70% in staatlicher Hand, wo oftmals 60-80 Schüler in einer Klasse unterrichtet werden. Die Kirche sehe in der Bildung ebenfalls eine der wichtigsten Aufgaben. Erstaunlich, dass dieser Papst neben die sprituelle Aufgabe der Kirche („Vorbereitung der Glaubenden auf das Reich Gottes“) die soziale als gleich wichtig daneben stellt, nämlich der Gesellschaft zu dienen, z.B. im Erziehungs- und Gesundheitswesen.

Die Situation für die Christen in Ägypten sei völlig anders, als in allen anderen arabischen Staaten. Nach der Zerstörung von mehr als 100 Kirchen 2013 durch radikale Muslime habe sich viel getan, nicht zuletzt durch die Regierung unter Präsident Al Sisi, der „Präsident für alle Ägypter“ sein will. Viele der zerstörten Kirchen wurden mit staatlichen Geldern wiedererrichtet. In der neuen Verfassung steht ein besonderer Absatz für die Christen in der Bevölkerung. „Ägypten ist besonders gesegnet durch den Besuch der Heiligen Familie,“ sagt der Papst, „die Füße Jesu waren zuerst in unserem Land, Ägypten war der erste Zeuge Jesu Christi in der Welt.“

Auf die Frage, was der Papst den europäischen Christen empfiehlt aus Sicht einer Kirche, die sich seit Jahrhunderten in einer Minderheitssituation vorfindet, antwortet er: Haltet euch an eure christlichen Regeln! Benutzt die Bibel und redet davon!“ Und dann macht er noch eine Sonntagsschuleinheit mit uns. Ob wir wüssten, wofür die fünf Buchstaben BIBLE stehen? „It means: Basic Information Before Leaving Earth“.

Zuletzt verabschieden wir uns überaus herzlich von den Schwestern Damiana und Maria – „Vielleicht sehen wir uns demnächst in Deutschland wieder?“

Pastoralkolleg – Besuch beim Großen Imam

(geistliches Oberhaupt des sunnitischen Islam und Lehrautorität)
Am 4. November 2019 haben wir als Delegation von Pastorinnen und Pastoren aus Deutschland den Großen Imam getroffen. Scheich Al Azhar nahm sich mehr als zwei Stunden Zeit für uns. Er gab uns Worte der Versöhnung und des Friedens mit auf den Weg: „Die islamische Lehre ruft uns zu menschlicher Bruderschaft auf. Keine Religion ist der Grund für die Gewalt!“, äußerte er.
Folgende Sätze finden sich über unsere bereichernde und beeindruckende Begegnung auf der Homepage der Universität und Moschee Al Azhar:
„Der große Imam von Al Azhar hat am Montag, den 4. November 2019, eine Delegation aus verschiedenen deutschen Landeskirchen getroffen. Der große Imam sagte: ‚Die islamische Lehre fordert alle Menschen zur Brüderschaft zwischen den verschiedenen Religionen auf.‘ Er sagte, die heilige Azhar nehme die Kommunikation und Kooperation der religösen Einrichtungen wahr. ‚Wir brauchen heute den Austausch von Visionen und Ideen zwischen verschiedenen Zivilisationen und Kulturen, damit wir Sicherheit und Frieden unter den Menschen schaffen.‘ Weiter sagte er, dass die Azhar offen für die Kooperation mit den deutschen Landeskirchen sei, damit wir zusammen die Werte des Zusammenlebens unter den verschiedenen muslimischen und christlichen Gruppen in Deutschland begründen. Jede Religion solle heute die andere Religion als Religion des Friedens betrachten und sie nicht verantwortlich machen für die Gewalt, die Menschen ausüben, die ihr angehören. ‚Wir sollten nicht die Religionen mit Gewalt verbinden.‘ Die deutsche Delegation ihrerseits dankte dem Großen Iman für seine Gastfreundschaft und Offenheit. Sie zeigte großen Respekt für Al Azhar und seinen großen Imam als Institution für den globalen Frieden und das Zusammenleben. Sie war beeindruckt von dem ägyptischen Modell „Bieth Al Alalla “ (das Haus der Familie) als Modell für ein gutes Zusammenleben und für Integration.“

Für uns als Gruppe von Pastorinnen und Pastoren aus vier Landeskirchen, war es eine besonder Ehre den Groß-Scheich der Al-Azhar zu treffen, da er im Rang eines Ministers eher Staatsoberhäupter und geistliche Führer trifft. Ihm war die Begengung ein besonders Anliegen. Anschließend lud er uns zur Besichtigung des Observatorium der Al-Azhar ein. Hier beobachten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Entwicklung von Ideologien und Religionen in aller Welt. Ein besonderes Augenmerk richten sie dabei auf extremistische Ausprägungen im Islam. Sie formulieren und begründen Argumente dagegen und werben für einen wissenschaftlich fundierten und dialogfreundlichen Islam. Um vor allem Jüngere zu erreichen, nutzen sie Kanäle wie Facebook und Twitter oder You Tube. Auch auf der Frankfurter Buchmesse waren sie präsent. Besonders interessierte uns natürlich die Deutschland-Abteilung. Die aktuellen Entwicklungen zum Beispiel des Rechtsextremismus und das Erstarken der AFD verfolgen die Mitarbeitenden genau. Wir waren erstaunt, wie gut und fließend sie deutsch sprechen.

Berichterstattung:

Al-Azhar: https://bit.ly/34FaNpg

Ahram: http://gate.ahram.org.eg/News/2321305.aspx

Pastoralkolleg – Eindrücke aus Kairo

Nach der Wüste kommt die Riesenstadt, man schätzt Kairo auf 25 Millionen. Der Bus fährt mitten durch den Markt, das Hupkonzert begleitet uns auf Schritt und Tritt. Morgens wartet schon die Touristenpolizei, zu unserem Schutz. Der staatlich verordnete Begleiter kann nicht glauben, dass wir ohne Bus loslaufen wollen. Dann aber staunt er wie wir über Dietmars Ortskenntnis. Er führt uns zur besten Tortenbäckerei der Stadt, zur alten Synagoge – Betreten verboten, lauter Polizei ringsum – zur deutschen Buchhandlung Lehnert und Landrock mit zauberhaften alten schwarz-weiß Fotos. Zur Konditorei Groppi mit zauberhaftem Innenhof, zum Cairo-Tower mit Blick über die Tennisplätze der Reichen, die Müllberge im Osten und die Pyramiden im Westen, und abends noch in den griechischen Club, Geheimtipp für Insider.

Vorbereitung auf den Besuch bei den Müllsammlern
Dr. Gamal begleitet das Müllprojekt von Anfang an. Sechs Communities rund um Kairo haben die Stadtteile unter sich aufgeteilt. Früher holten sie den Müll mit Eselskarren, die Esel kannten den Weg. Jetzt sind Esel in der Innenstadt verboten. Der Versuch, ausländische Firmen mit der Müllentsorgung zu beauftragen, ist gescheitert – zu große Autos… Trotz des schlechten Rufs der Müllsammler macht Dr. Gamal uns deutlich: wir sind das Problem, wir produzieren den Müll, sie sind die Lösung. Seit über 30 Jahren engagiert sich die koptische Kirche in den Müllgebieten. Sie gibt Kurse in Mülltrennung genauso wie zur Stärkung der Selbstachtung. Das wichtigste ist Bildung für die Kinder. Zwar fällt es den Familien zuerst schwer, auf die Kinder beim Müllsammeln zu verzichten, aber dann merken sie, dass die Schule mehr für sie verändert, als das Einkommen durchs Müllsammeln. Die Kirche sieht die Not der Menschen und hilft – ohne groß zu überlegen, woher das Geld wohl kommt. Das Engagement vor allem der Daughters of St. Mary ist unglaublich beeindruckend. So haben wir viele „praktische Predigten“ gesehen und in Nebensätzen verdichtet gehört; dafür hätten wir lange in Seminaren sitzen müssen.

Evangelische Christen in Ägypten
Der Präsident der Evangelischen Kirchen in Ägypten, Dr. Andrea Zaki, empfängt uns in der Zentrale von CEOSS= Coptic Evangelical Organisation for Social Services, eine Art ägyptisches Diakonisches Werk. Koptisch steht hier nicht für eine Konfession, sondern meint einfach ägyptisch. Dr. Saki vertritt etwa 200.000 Christen verschiedener protestantischer Kirchen. Für sie gilt ein anderes Zivilrecht als für die Muslime. Das Verhältnis zum Staat sei gut, 250 Kirchen seien in den letzten Jahren neu registriert worden. Die Kirchen sind offen für alle, die kommen, auch für Muslime. Aber sie würden nie auf die Straße gehen und um zu missionieren. CEOSS unterstützt etliche soziale Projekte, insbesondere auch für Behinderte. Sie sollen gestärkt werden für sich selber zu sprechen und ihre Rechte und Bildung einfordern. Der Besuch in einer orthopädischen Fabrik, betrieben u.a. von Behinderten, unterstreicht das eindrücklich.
Im Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Kairo ETSC begegnen wir Dr. Hani Hanna, Professor für Systematische Theologie. Unser Kollege David Gabra, inzwischen Pfarrer in Essen, hat bei ihm studiert. Das Seminar hat 1863 auf einem Boot auf dem Nil begonnen, jetzt belegt es einen großen Komplex in der Stadt und bietet auch Online-Kurse. „Damals surften wir auf dem Nil, jetzt im Netz“. 40% der Kurse werden von Frauen belegt, nur der Ordinationskurs ist für sie gesperrt. „Das geht in unserem Land noch nicht – leider.“

Auch der kleinen deutschen Gemeinde in Kairo und ganz Ägypten statten wir einen Besuch ab. Etwa hundert Mitglieder gehören dazu, einige seit vielen Jahrzehnten, zum Teil in drei- oder viersprachigen Familien. Blonde Jungs die auf Arabisch schimpfen, das erwartet hier keiner. Es leben immer weniger Deutsche in Kairo, die entsprechenden Positionen werden inzwischen meist mit Ägyptern besetzt. Beim Gottesdienst am Sonntagabend macht unsere Gruppe zwei Drittel aus. Die Gemeinde betreibt die Deutsche Evangelische Oberschule DEO, auf der vom Kindergarten bis zur Universitätsreife mehrsprachig eine breite Ausbildung vermittelt wird. Hier hat auch der neue Pfarrer Leyer seit drei Monaten sein Hauptarbeitsfeld.

Die Müllstadt Ezbet el Nakel
Morgens brechen wir auf in die Müllstadt „Ezbet el Nakel“. Hier leben mehr als 100.000 Menschen, die meisten vom Einsammeln, Sortieren und Recyclen von Müll. Je weiter wir uns vom Zentrum Kairos entfernen, desto enger und unbefestigter werden die Straßen. Neben der Straße entdecken wir Hunde und Esel, die vor Karren gespannt sind. Einmal sogar ein totes Pferd. Durch das Autofenster dringt ein strenger Geruch.

Die El Mahabba School wirkt dagegen fast idyllisch. Schüler und Schülerinnen haben sich zum Morgenappell versammelt. Sie begrüßen uns mit Tänzen, Trommeln und sogar einem auf deutsch gesungenen Lied. „Your visit encourage us“ – euer Besuch ermutigt uns – ist auf einem Plakat zu lesen. Fast 3000 Kinder lernen in dieser Privatschule, die der koptische Orden der „Daughters of St. Mary“ unter der Leitung von Schwester Demania betreibt. Sie bereiten sich auf eine bessere Zukunft vor. „They can cross the culture“, sagt Schwester Maria, die Oberin des Orden. – Sie können den Absprung schaffen.

Ein wichtiger Treffpunkt ist das Salam-Zentrum. In beiden Häusern gibt es eine vielfältige Sozialarbeit, darunter ein Training für angehende Altenpflegerinnen und einen Kindergarten. Kinder mit Handicap werden nach Montessori ausgebildet. Es gibt Nachhilfeunterricht und eine Schule für ältere Kinder, die unabhängig von einer Jahrgangsstufe in Mathematik, Arabisch und Englisch unterrichtet werden. In Nähwerkstätten können Frauen ein eigenes Einkommen erwirtschaften. Freiwillige Sozialarbeiterinnen suchen die Familien in ihren Häusern und Hütten auf. Besonders die Frauen erleben hier Unterstützung, denn Gewalt- und Drogenprobleme sind an der Tagesordnung. Durch die Arbeit des Ordens und der vielen Mitarbeitenden hat sich das Klima in der Müllstadt verändert. „Wir versuchen, Licht zu bringen“, so Schwester Maria.

Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Die Schwestern bereiten uns ein reichhaltiges Mittagessen zu und geben uns zur Erinnerung eine handgemalte Ikone der Heiligen Familie. Wir fühlen uns reich beschenkt.

Alt-Kairo 
Mit der Metro zur Station Mar Girgis/Hl. Georg. Dort sind die ältesten Kirchen, Klöster und Moscheen versammelt. Die koptische Gemeinde beruft sich auf einen Besuch des Evangelisten Markus im Jahr 48 und sei somit die älteste christliche Gemeinde der Welt. Wir besuchen den Gottesdienst in der „hängenden Kirche“, im 7. Jh. auf der alten römischen Befestigungsanlage erbaut. An der Eucharistie dürfen alle teilnehmen, auch Kinder, und bekommen Wein und Brot. Auch der Segen wird mit reichlich Wasser über alle verteilt. In der griechisch-orthodoxen Kirche des Hl. Georg sind wir mit vielen muslimischen Menschen zusammen. Etliche lassen sich von einer Nonne segnen inmitten des Gewühls – ein Moment der Spritualität trotz aller Hektik ringsum. Ein paar Schritte weiter die vielleicht älteste Kirche in Kairo, St. Sergius and St. Bacchus. Mit ihr wird der Ort verbunden, an dem Mose im Körbchen am Nil gefunden wurde. Später habe sich hier die Familie Jesu auf der Flucht vor Herodes versteckt. Die Ben Esra Synagoge wird nach dem Exodus fast aller Juden aus Ägypten in den letzten 50 Jahren nur noch als Museum genutzt. Hier wurden Ende des 19. Jh. in einer sog. Geniza, einer Art Aufbewahrungskammer für entsorgte heilige Schriften, über 200.000 alte Schriftrollen gefunden. Auch die älteste Moschee auf afrikanischem Boden ist gleich neben dem koptischen Viertel. Und auf dem Friedhof treffen wir eine Frau, die mit ihren Töchtern in einer der alten Grabkammern dauerhaft wohnt.
Daneben wirken unsere Sorgen lächerlich: auch wenn es zuerst ein großer Schreck ist, ohne Portemonnaie aus dem Metrogewühl zu kommen. Es folgen für Helmut und Sr. Demiana als Dolmetscherin mehrere Interviews mit immer höheren Polizeibeamten. Als nach gut zwei Stunden das Portemonnaie wieder auftaucht, wenn auch ohne Bargeld aber mit allen Papieren, ist das wie ein Wunder in dieser riesigen Stadt.

A-K & H

Pastoralkolleg 2019 in Ägypten – Erste Eindrücke

Nach der Landung über dem riesigen Kairo fahren wir nachts durch die endlose Wüste nach Süden. Beni Suef heißt die nächste Millionenstadt, hier sind wir im Gästehaus der Daughters of St. Mary direkt am Nil untergebracht. Die langjährige Partnerschaft des Kirchenkreises Moers sorgt für viele Kontakte. Sr. Amalia und Sr. Joanna begleiten uns an diesen ersten Tagen – neben ihrer normalen Arbeit. Sie gehören zum einzigen Frauenorden der koptischen Kirche mit der Erlaubnis zu sozialer Arbeit und nutzen das auf eindrucksvolle Weise. Davon können wir, 15 Pfarrerinnen und Pfarrer aus vier Landeskirchen, uns bei vielen Begegnungen überzeugen.

BENI SUEF
Sr. Amalia leitet eine KiTa für 400 Kinder. Außerdem gibt’s in ihrem Haus einmal monatlich eine Armenspeisung. Die bedürftigen Familien bekommen von ihren Pfarrern eine Art Gutschein und dürfen dann sich sattessen und Lebensmittel für ein paar Tage mitnehmen. Dazwischen werden Lob- und Danklieder gesungen, eine intensive Atmosphäre, in die auch wir deutschen Gäste mit hineingenommen werden. Ein Kulturprogramm mit einer Art christlichem Karaoke, abgerundet mit Gebet und Segen.

Zwischen den einzelnen Begegnungen die Bilder der Großstadt am Nil: Eselskarren neben Bussen und Motorrädern mit Lastenaufbau, Kühe am Straßenrand angebunden, bewässerte Felder, und wir fahren da durch von Polizei eskortiert. Auch jede Schule, jedes Kloster hat eine Polizeikontrolle mit Metalldetektor. Das Fließen des Verkehrs ohne Ampeln überrascht jedes Mal aufs Neue.

Das Dorfgemeinschaftsprojekt der koptischen Kirche leiten Sr. Joanna (sie ist gelernte Ärztin) und Sr. Priscilla.   Sie sind verantwortlich für ein Team von Mitarbeiterinnen, die in ca. 30 Dörfern rund um Beni Suef eingesetzt sind: Schulungen in Handarbeit und Hauswirtschaft verhelfen den Frauen zu mehr Selbstständigkeit. Trainingsprogramme für Gesundheit und Ernährung genießen auch in muslimischen Dörfern hohe Anerkennung. Besonders wichtig ist den Schwestern die Aufklärung über die weibliche Genitalverstümmelung. Die ist in der ägyptischen Gesellschaft, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, weit verbreitet. Erst die Gespräche von Frau zu Frau lassen viele Betroffene nachdenken, ihren Töchtern eine andere Zukunft zu ermöglichen. Nicht Belehren, sondern Aufklären ohne erhobenen Zeigefinger ist angesagt. „Wir reden nicht von Jesus, sondern was wir tun lässt die Leute merken, dass wir sie lieben.“

Auch die El Tawfik-Schule mit ca.1300 Schülerinnen und Schülern knapp 200 Lehrerinnen und Lehrern wird von einer Nonne geleitet: Sr. Virginia hat mit ihrem Team ein Willkommensprogramm mit Tänzen und Präsentationen für die deutschen Gäste vorbereitet.  Beim Besuch der Klassen beeindruckt neueste Technik, z.B. Deutschunterreicht mit Touchboard, aber auch das sehr disziplinierte Verhalten der Schülerinnen und Schüler. Nicht zufällig steht „Queuing“ schon im Kindergarten auf dem Programm, also Aufstellen in Reih und Glied. Wir erhalten alle einen selbstgebastelten Orden mit ägyptischem Wappen. Die Liebe zu Ägypten eint hier alle, über sonst trennende Grenzen hinweg. Selbst die Baumstämme sind rot-weiß-schwarz-gestrichen.Abends Besuch in der koptischen Kirche beim Jugendgottesdienst der Diözese. Hunderte Jugendliche schmettern liturgische Gesänge wie Schlager. Nach dem Anspiel über die Situation junger Studenten wird Pastor Dietmar Boos um ein geistliches Wort gebeten und unsere Gruppe stellt sich mit einem Lied vor. Mit persönlichem Bibelwort werden wir verabschiedet.

Am nächsten Morgen geht es schon um 4.30 Uhr wieder los zu den Wüstenklöstern. Wir erklimmen in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die 1231 Stufen zur Höhle des Heiligen Antonius. Anschließend führt Abbuna Ruiz Anthony (jeder Mönch im Kloster trägt zusätzlich den Namen des Antonius) uns in die Geheimnisse des Wüstenklosters ein. Alle Mönche haben einen weltlichen Beruf: „No work, no food“. Er empfiehlt uns: „Du musst jeden Tag zehn Minuten für dich allein sein, sonst bist du kein Mensch.“ Anschließend führt er uns durch die Mühle und zeigt uns das Refektorium. Als Höhepunkt steigen wir hinab zur Kirche mit dem Grab des Heiligen Antonius.

40 Kilometer weiter Richtung Rotes Meer liegt das St. Paul-Kloster. Der Heilige Paulus lebte im 3. Jahrhundert nach Christus 90 Jahre lang als Eremit in einer Höhle. Abbuna Michael erzählt, dass zwei Löwen das Grab des Paulus geschaufelt haben.  Es wird gesagt, dass durch das Wirken von St. Antonius und St. Paulus das Mönchtum entstanden ist. Wir haben also die ältesten Klöster der Welt besichtigt.

Koptische Christen haben ein Kreuz am rechten Handgelenk tätowiert. Dieser Ritus stammt aus Zeiten, in denen die Kinder den Eltern zum Militärdienst weggenommen wurden. Sie sollten dadurch immer daran erinnert werden: „Wir sind Christen!“ Der Anteil der Christen an der ägyptischen Bevölkerung liegt bei mehr als zehn Prozent. Die Zahl wird zwischen zehn und 14 Millionen angegeben.  Unser Eindruck ist, dass nach einer sehr angespannten Phase sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen wieder etwas entspannt hat. Dennoch gebe es nach wie vor eine Diskriminierung, berichten unsere koptischen Geschwister: „Die Verfolgung ist im Alltag nicht an brennenden Kirchen abzulesen, sondern an Schildern vor dem Schnellimbiss: ‚Keine Christen (als Beschäftigte)!'“

A-K & H

„Gebt den Menschen Eure Liebe. Darin werden sie Jesus erkennen.“

Der Kirchenkreis Moers unterhält seit 40 Jahren eine Partnerschaft zu den „Daughters of St. Mary“ (DSM) der koptisch-orthodoxen Kirche in Ägypten. Eine Delegation aus dem Kirchenkreis besuchte vom 26.04. bis zum 04.05.2019 die Partner: Pastor Dietmar Boos, Leiter des Entwicklungshilfeausschusses, Edith Schwarz, Mitglied im Ausschuss, Pfarrerin Barbara Weyand, Mitglied des KSV und ich.
24 Schwestern of St. Mary leben und arbeiten in Ezbeth el Nakhl, dem zweitgrößten Müllgebiet Kairos.

Schwester Maria leitet das Salam-Center, welches mitten im Müllgebiet Ezbet el Nakhl liegt. Als in den 70er Jahren die Schwester der Daughters of Saint Mary (DSM) von einer belgischen Ordensschwester gebeten wurden, den Menschen im Müllgebiet zu helfen, fanden sie schlimme Verhältnisse vor: Die Menschen lebten in Hütten mitten im Müll, ohne fließend Wasser und Elektrizität. Ein Drittel der Neugeborenen starben aufgrund mangelnder Hygiene, es gab keine ärztliche Versorgung und nur sehr wenige Kinder besuchten die Schule. Viele Menschen hatten keine Papiere und damit keine Rechte: „es gab sie nicht“.
Die Schwestern begannen mit einer „Klinik de luxe“, wie Dr. Adel es beschrieb. Ausgestattet nur mit Liege, Thermometer und Stethoskop. Daraus ist heute ein großes Krankenhaus mit allen Fachabteilungen geworden. In der Sozialberatung wird Menschen, die nicht lesen und schreiben können geholfen, Papiere zu beantragen. Außerdem beherbergt das Salam Center einen Kindergarten, eine Behinderteneinrichtung mit Werkstätten und Wohnheim, eine Berufsschule und noch manches mehr.

Dr. Adel

Schwester Demiana leitet die Mahaba-School. Die Schule wurde Mitte der 70er Jahre eröffnet und bietet den Kindern der Müllsammler/innen die Chance, ein Leben unter besseren Bedingungen zu führen. Die Kinder erhalten täglich eine warme Mahlzeit, Mitarbeiterinnen der Ambulanz achten auf die Gesundheit, und Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten erhalten Nachhilfeunterricht.
Heute besuchen über 2500 Kinder und Jugendliche die Schule, die bis zum Abitur führt. Der langfristige Erfolg zeigt sich auch darin, dass 15 der 133 Lehrerinnen und Lehrer der Schule selbst aus Müllsammler-Familien stammen.
Ein weiterer wichtiger Schritt bestand darin, für die Müllsammlerfamilien Häuser und Wohnungen bereit zu stellen. Dort gibt es fließend Wasser und Elektrizität, Hygiene ist ebenso gewährleistet wie ein Platz, um auch abends Hausaufgaben machen zu können. Für 95% der Familien wurde dies bereits umgesetzt.

Bischof Athanasius

Der Orden der Daughters of St. Mary wurde 1965 von Bischof Athanasius gegründet. Er war Bischof in Beni Suef, einer Millionenstadt 120 km südlich von Kairo. Er gründete den Orden, um sich für die Frauen in den Dörfern rund um Beni Suef einzusetzen, deren Lebensbedingungen zum einen aufgrund der Armut und zum anderen aufgrund der weit verbreiteten Genitalverstümmelung besonders hart waren. In Beni Suef leben und arbeiten über 80 Schwestern, und es kommen immer mehr hinzu.
Schwester Amalia leitet einen Kindergarten in Beni Suef, den 500 Kinder besuchen. Mit vielfältigen Ideen und Erfahrungen bildet sie die Erzieherinnen weiter und erstellt gemeinsam mit ihnen Materialien, die das Lernen bei den Kindern fördern. Ihre Arbeit findet so große Beachtung, dass Schwester Amalia nun die Leitung eines weiteren Kindergartens mit über 1000 Kindern angetragen wird. Darüber hinaus organisiert Schwester Amalia die Armenspeisung. Bis zu 300 notleidende Familien, christliche wie muslimische, erhalten monatlich ein Paket mit Grundnahrungsmitteln.

Dorfentwicklung – Schwester Joanna

Schwester Joanna  leitet als Ärztin das Dorfentwicklungsprogramm in den Dörfern rund um Beni Suef. Wir dürfen bei einem Treffen teilnehmen. Erstes Thema ist die weibliche Genitalverstümmelung, die seit dem antiken Ägypten praktiziert wird (erster Nachweis aus dem Jahr 163 v.Chr.) und von der heute etwa 85 % aller Ägypterinnen betroffen sind. Eine Frau in schwarzer Kleidung sagt: „Ich habe vier Töchter. Kurz bevor mein Mann starb, habe ich mit ihm besprochen, dass die Mädchen nicht beschnitten werden.“ Eine andere fährt fort: „Meine Tochter heiratet heute, sie ist nicht beschnitten.“

„Und“, fragt Schwester Joanna, „hat der Ehemann gefragt, ob sie beschnitten ist?“ „Nein!“ antwortet die Frau. „Das ist gut“, so erklärt uns die Schwester. „Denn im Dorf hat vor einiger Zeit ein Mann seine Verlobung wieder gelöst, weil er erfahren hatte, dass die Frau nicht beschnitten war. Der Kampf gegen Genitalverstümmelung gelingt nur, wenn wir die Männer mitnehmen.“ Eine dritte Frau berichtet. „Meine Tochter ist verheiratet und hat ihre beiden Töchter nicht beschneiden lassen.“ In dieser Familie ist es geschafft. Diese Frauen werden auch ihre Töchter nicht mehr verstümmeln lassen.

Die Dorfentwicklung ist noch in vielen weiteren Bereichen aktiv: Frauen werden dabei beraten und unterstützt, ihr Lebensumfeld zu verbessern. Baumaßnahmen im Haus wie z.B. Elektrizität oder ein neuer Boden werden mit 80% bezuschusst, wenn die Familien selbst 20% beisteuern. Frauen werden ermutigt und ausgebildet, ein Gewerbe zu eröffnen und somit etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Einen besonderen Wunsch äußern die Frauen: „Wir möchten einen Kurs, um Lesen und Schreiben zu lernen!“ Schwester Joanna wird sich darum kümmern.

Die noch junge Schwester Priscilla leitet das Zentrum für Dorfentwicklung in Sidment, einem Dorf bei Beni Suef. Dort befinden sich neben einem Kindergarten und einer Schule auch Ausbildungsbetriebe für Frauen: eine Schneiderei, eine Weberei.

Ich bin fasziniert von den Schwestern. Sie tun genau das, was vor vielen Jahren Bischof Athanasius ihnen auftrug: Sie geben den Menschen ihre Liebe, wie es uns Christus aufgetragen hat.

Martje Mechels

Ezbet el Nakhl: Die zweitgrößte „Müllstadt“ in Kairo

Nasser, unser Fahrer, erwartet uns früh morgens am Windsor Hotel, um mit uns nach Ezbet el Nakhl zu fahren. Als wir von der Hauptstraße in die Garbage Area einbiegen, fahren wir über holprige nicht befestigte Straßen, vorbei an Eselskarren, die mit Papier, Plastik und anderem Müll beladen sind.  Ein leicht süßlicher und zugleich beißender Geruch steigt uns in die Nase.

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Beni Suef: Besuch in der Dorfentwicklung

Sr. Amalia und Sr. Joanna kommen am Montagmorgen aus Beni Suef, um uns aus Kairo abzuholen. Nach einem köstlichen Mahl im Kindergarten von Sr. Amalia, das von Kindergarten-Eltern für uns vor bereitetet ist, machen wir einem kleinen Rundgang durch die Einrichtung. In den Montessori-Räumen bestaunen wir die überwiegend selbstgefertigten Lehrmaterialien, die turnusmäßig gewechselt werden, damit die Kinder immer wieder eine neue Herausforderung haben.

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Kirche des gerechten Friedens

Die Landessynode hat anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren ein Friedenswort verabschiedet. Es soll auf allen Ebenen der rheinischen Kirche mit dem Ziel diskutiert werden, Kirche des gerechten Friedens zu werden. Enthalten sind auch Forderungen nach einem Atomwaffen-Abzug und dem Stopp von Rüstungsexporten.

Der Kirchenkreis Moers hat sich bei seiner letzten Synodaltagung ausführlich mit dem Positionspapier befasst und eigene Schritte definiert.
Sr. Amalia, vom koptischen Orden der „Daughers of Saint Mary“, schreibt auf die Positionsbestimmung des Kirchenkreises:

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Ein Wiedersehen in Ezbet el Nakhl

Mit der Metro fahren wir von Orabi bis Ezbet el Nakhl. Als wir dort aussteigen glauben wir unseren Augen nicht. Eine riesige Pracht-Moschee steht gegenüber dem Metro-Ausgang, Links daneben noch die Ursprungs-Moschee. Auch hier wird gebaut und modernisiert. Vor dem Ausgang wimmeln die Tuck-Tucks, der Müll stapelt sich am Straßenrand. Mit einem Kleinbus fahren wir in das Herz von Ezbet el Nakhl, zur Mahabba Schule.

Wir laufen eine schmale Straße entlang.

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Ostern 2018 in Kairo

„Tja, Kairo, diese laute, schmutzige, hektische, unüberschaubare Stadt ist doch einfach super!!!! Wie schön die gereinigten und restaurierten Gebäude von außen aussehen und wie viel Aktivität dort überall zu spüren war. Die Menschen, freundlich, wie ich sie sonst immer in Ägypten erlebt habe, das war eine große Freude!!! Endlich wieder entspannt dort herumlaufen und nach der ein oder anderen Kurve doch alles finden, was wir uns vorgenommen hatten – ach Kairo, bei dir bleib ich demnächst mal wieder länger zu Besuch. Dann werde ich mir mal einen ganzen Tag im Ägyptischen Museum gönnen und vielleicht überhaupt mal eine Museumswoche dort einlegen. Ach ja und in die Oper möchte ich auch mal gehen und ins Kino und gerne auch noch mal ins Theater – ich sehe schon, ich muss blad wieder kommen.“

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